SCHLAAAAAAAAND-ALARM

Wieder eine EM, wieder ein Fahnenmeer von Schwarz-Rot-Gold, wieder ein Land im kollektiven Ausnahmezustand und immer wieder dieses: Wie schön, dass man endlich wieder seine Zugehörigkeit feiern darf! Doch was hat Herrenfußball eigentlich mit der komplexen menschlichen Organisationsform „Staat“ zu tun?

Das Problem an der ganzen Sache ist ja nicht der Sport. Der Sport ist sicherlich für sportlich interessierte unheimlich wichtig, diese Menschen lesen dann auch die zahlreichen EM-Analysen, die auf den Sonderseiten der Tageszeitungen veröffentlicht werden und verstehen die unterschiedlichen Taktiken und Spielsysteme, wissen was ein 6-er ist und können nachvollziehen, warum dieser oder jener Spieler zu Hause oder auf der Bank sitzen bleiben muss, weil er nicht ins System von – nehmen wir mal an – Jogi Löw, passt. Die EM ist auch sicherlich eine gute Gelegenheit, um mit dem Durchdringen der Fußballwelt zu beginnen und hier und da ein paar Wissensbrocken dieser männlich-dominierten, hetero-normativen Subkultur (siehe unseren Beitrag vom 16. Mai: Maul auf gegen Homophobie!) aufzuschnappen.
 

Und wann kommt jetzt „Deutschland“ ins Spiel?

Tja, das fragen wir uns ehrlich gesagt auch. Mensch kann ja leidenschaftlich Fußball gucken, ob allein, oder mit Freund*innen, während Leckereien auf dem Grill brutzeln und mensch das eine oder andere kühle Getränk zu sich nimmt. Mensch kann auch einfach das sportliche Ereignis als Hintergrundgeräusch oder als willkommene Ausrede für gemütliche Geselligkeit nutzen. Alles kein Problem. Das Problem ergibt sich daraus, dass es die deutsche Fußballnationalmannschaft (der Herren) ist, die auf dem Platz steht und ne unruhige Kugel gegen die portugiesische, holländische oder vielleicht dann spanische Fußballnationalmannschaft schiebt und sich auf einmal alle Deutschland-Fahnen umhängen, aufmalen, an Autos, Balkone, Fahrräder pinnen, sich in wilder Biersucht recht eigenartigen Fan-Gesängen („Sieg!“) hingeben und froh sind, endlich mal wieder ihre emotionale Zugehörigkeit zum Vaterland ausdrücken zu dürfen: Mensch geht ja im allgemeinen und kollektiven Gedöns unter und muss, qua der allgemeinen und kollektiven Seligkeit darüber, keine Gedanken machen, auf die Fahne oder Gegröle à la „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand, Deutschland, Deutschland…) angesprochen zu werden. Und schwupps, sind wir im 19. Jahrhundert, mit all seinen Tücken. Das Gefühl von nationaler Zusammengehörigkeit hat hier seinen Ursprung: Es wurde erfunden, um Menschen aus dem Besitztum von Monarchen und/oder Religionen zu entbinden und zu einem Volk zu machen, das sich mit Hilfe dieses Zusammengehörigkeitsgefühls zu einem Nationalstaat zusammenschließt. Gespeist wurde dieses Gefühl aus der damaligen gängigen Überzeugung eines gemeinsamen ethnischen Ursprungs, einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Geschichte, die genau diese Gruppe von Menschen zusammenschließt. Dass die historischen Gegebenheiten willkürlich setzbar und interpretierbar sind, ist in dem Moment, in dem diese Gruppe von Menschen daran glaubt, unerheblich. Nationalismus ist deshalb so erfolgreich, weil er so simpel ist, eben weil er einer Gruppe von Menschen das Gefühl gibt, einzigartig und besonders zu sein und einen Platz in der Welt verdient zu haben. Und weil er sich schlichter Symbole bedient, die emotional aufgeladen werden: in erster Linie Fahne und Hymne, aber auch bestimmte ‚Tugenden‘ und kultureller Eigenheiten, die angeblich auf die gesamte Gruppe zutreffen. Die Auswüchse von Nationalismus haben das furchtbare 20. Jahrhundert dominiert und man kann auch heute nicht genug davor warnen, dass Nationalismus NIE harmlos ist. Er wertet immer auf und ab, er schließt immer bestimmte Menschen ein und andere aus, das ist (psycho)logisch gar nicht anders möglich, sonst wäre mensch ja Teil der Gruppe Welt und nicht der Gruppe Deutschland, zu der der Großteil der Welt eben nicht gehören soll. Den Mechanismus kann man sehr deutlich beobachten, wenn man sich die gewalttätigen Übergriffe auf bspw. Erasmus-Studierende nach einem verlorenen Deutschland-Spiel anschaut! Oder auch mal einen Blick in die berühmten Heitmeyer-Studien aus Bielefeld wirft, die insbesondere nach den Fußballgroßereignissen einen signifikanten Anstieg von fremdenfeindlichen und rassistischen Einstellungen nachweisen können.

Also liebe FußballfreundInnen, auf ein schönes sportliches Ereignis, welches uns spannende Momente beschert, aber bitte ohne Deutschland-Klimbim! Und zur Beruhigung: Nur weil mensch sich über einen Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft freut, ist mensch noch lange kein Nationalist! Wenn es ohne Fahne und ohne Deutschtümelei ist 😉